Letzter Postbusfahrer Peter Brandl geht in den Ruhestand

Mit Pistole bewaffnet Klosterschwestern gratis chauffiert

Auf dem Weg zum Ruhestand: Der letzte Postbusfahrer Peter Brandl auf seiner Abschiedstour zwischen Ingolstadt und Beilngries

Fünf Wecker stehen aufgereiht auf dem schmalen Holzsims über dem Bett. An der Wand verdecken Fotos von alten Bussen das fade Weiß. „Ich bin immer auf Nummer sicher gegangen“, scherzt Peter Brandl. „Einen Wecker hat er sich für früh gestellt, einen für die Nachmittagstour“, sagt Anton Vielbert. Beide verband über Jahre die Arbeit als Postbusfahrer. Jetzt eint sie der Ruhestand. Sie stehen in der Fahrer-Unterkunft in Beilngries und schwelgen in Erinnerungen.

Vielbert hat seine Uniform schon 1996 an den Nagel gehangen. Auch zwei andere Ex-Kollegen – Helmut Rischer und Wilhelm Amann – sind gekommen, um bei Brandls letzter Fahrt auf seiner Stammroute Ingolstadt – Beilngries (RBA-Linie 9226) dabei zu sein.

Peter Brandl ist der letzte Postbusfahrer der Regionalbus Augsburg GmbH (RBA), der nun nur noch als Fahrgast einen Bus besteigen wird. Deutschlandweit waren sie einst 7000. „Mein Führerschein läuft morgen ab“, sagt er nicht ohne ein bisschen Wehmut. Aber der Sohn eines Eisenbahners ist glücklich über die Überraschung, die sein Arbeitgeber für ihn organisiert hat:

Einen alten Postbus aus dem Jahr 1980 haben seine Chefs extra aus dem Postmuseum Regensburg geholt – knallgelb, mit Girlanden geschmückt steht er im strahlenden Sonnenschein bei Dienstantritt auf dem Betriebshof. „Bis 1985 sind diese Postbusse gefahren“, erzählt Brandl.

„Ein Teil des Busses war für Briefe, Pakete und den Tresor, in dem zeitweise bis zu 200.000 Markt lagen, abgetrennt, in dem anderen saßen die Fahrgäste.“ Doch nicht nur Postsendungen nahm Brandl mit auf seine Fahrten. „Da war auch mal die Milchkanne vom Bauern dabei.“
Neben Bahnfahrplänen, Bildern und Post-Infobroschüren gab es auch einen Briefmarkenverkauf und Briefannahme beim Fahrer - und das alles bis ins Jahr 2006.



Herztropfen-Bringdienst
Die exotischste Fracht? „Na, ein paar schöne Frauen waren schon mal dabei“, scherzt Brandl. Eine brach ihm auf einer seiner Fahrten in den vergangenen 37 Jahren zwischen Beilngries und Ingolstadt das Herz und trat mit ihm vor den Altar.

„Sie ging damals noch in die Berufsschule und war 17 Jahre jünger als ich.“ „Wir haben sie aber schon eher gekannt“, ruft Anton Vielbert. Ein Bus voller Anekdoten – jeder der vier Postbusfahrer versucht den anderen zu übertreffen. Da war doch die Geschichte von dem Betrunkenen, der lauthals im Bus schmutzige Lieder sang – und vorne saß eine Klosterschwester. Geistliche durften übrigens kostenlos mitfahren, Polizisten auch. „Man weiß nie, wofür es gut ist“, sagt Wilhelm Amann.

Sie erzählen, dass sie für ältere Damen öfter ein Rezept für Herztropfen in der Apotheke einlösten oder dass Schüler ihr Leid klagten, wie „doof“ doch Eltern manchmal seien. Auch dass sie mit einer Pistole bewaffnet waren, um die Geldtransporte verteidigen zu können.

Benutzt hat Brandl die Waffe nie. Und er kam unfallfrei durch die 37 Jahre. „Ich bin auch nie von der Polizei kontrolliert worden.“ Manchmal träumt er nachts vom Busfahren. „Zum Beispiel, dass man auf Glatteis die Kurve nicht kriegt“, sagt Brandl.

Seine Fahrgäste wird er vermissen. Von vielen, die er schon als Kinder kannte, fährt er heute die Enkel. „Auch wenn ich Beamter bin, ist das hier ein Familienbetrieb.“

Auf Brandl warten zu Hause neben seinem neu erstandenen 500er Mercedes, mit dem es als erstes nach Italien geht, seine zwei Katzen. „Die werden mich schon ablenken“, hofft er. Eine Uniform wird Brandl aufheben – Größe 48. „Ich hab sie nie größer gebraucht, bin ja nie zum Essen heimgekommen.“

Drei Millionen Kilometer hat Brandl in seiner Zeit als Busfahrer zurückgelegt – in 42 Jahren. „Den Bus hätte ich schon gerne mitgenommen, aber leider ist mein Grundstück zu klein.“



Hintergrund
Peter Brandl war früher Beamter der Deutschen Bundespost, die bis Ende der 60er Jahre Busunternehmer war. Durch eine Postreform fiel dieser Dienst an die Deutsche Bahn, die gelben Busse verkehrten aber weiterhin. Fünf Postbusfahrer weigerten sich damals, zur Bahn zu wechseln. Durch die Hilfe von Karsten Wettberg, der auch als Trainer von 1860 München bekannt ist, blieb die Bahnbuslinie mit Postbediensteten hinter dem Lenkrad bestehen. 1992 stieß dann die Bahn den Bereich Busverkehr an Privatfirmen und Kommunen ab.
Vier von Brandls Kollegen gingen bis 1999 in Rente. Damit stirbt nun die Zukunft der Postbusfahrer im Januar 2006 aus.

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